Die Kamille ist eigentlich kein gern gesehener Gast auf Schweizer Äckern und hat dort den Status eines Unkrauts. Allerdings handelt es sich hier in der Regel um die geruchlose Kamille (Tripleurospermum inodorum). Für das unverwechselbare Aroma sorgt hingegen die Echte Kamille (Matricaria chamomilla). Sie ist eine der bekanntesten Heilpflanzen überhaupt und wird für Tees geschätzt. Sie wächst in der Schweiz weniger häufig in der freien Wildbahn als ihre geschmacklose Doppelgängerin. Und schon gar nicht in so grossen Mengen, wie sie der Holderhof in seinem professionellen Bio-Kräuteranbau benötigt.
Regionaler Anbau statt Importware
Die Kultivierung der Echten Kamille im grösseren Stil ist in der Schweiz bis jetzt wenig verbreitet. Auf den Tee-Verpackungen im Grossverteiler stehen Herkunftsländer wie Deutschland, Ungarn, Polen, Ägypten oder Marokko. Der Holderhof will das ändern und setzt einmal mehr auf die regionale Produktion in Bioqualität. Im letzten Jahr baute das Holderhof-Landwirtschaftsteam um Betriebsleiter Remo Knöpfel in Niederwil deshalb erstmals versuchsweise Echte Kamille an. Nach dem erfolgreichen Probeanbau weitet er nun den Anbau der Echten Kamille aus. Die Chancen stehen also gut, dass es im Supermarkt bald auch Bio-Tee aus regional produzierten Kamillen zu kaufen gibt.
Einmal mehr Neuland
Viel Fachwissen zum grossflächigen Anbau von Echter Kamille in der Schweiz besteht nicht. Das ist keine neue Situation für das Anbauteam. Der Holderhof ist bekannt dafür, dass er Neues ausprobiert. Das gilt nicht nur im Landwirtschaftsbetrieb in Niederwil, sondern auch in der Getränkeabfüllung in Henau oder dem Fruchtverarbeitungszentrum in Sulgen. Die Echte Kamille ist einjährig. Das heisst: Sie verliert im Sommer ihre Samen, woraus im folgenden Jahr wieder neue Kamille wächst. Normalerweise erfolgt die Aussaat der Samen jetzt im Frühling. Allerdings sind die Böden in dieser Jahreszeit für das Befahren mit dem Sägerät oft nass und die Zeitfenster entsprechend kurz. Deshalb testete Remo Knöpfel auf einer kleinen Fläche eine Herbstansaat, damit sich die Pflanzen schon frühzeitig etablieren können. Wie es aussieht, könnte es funktionieren: Jetzt im März sind die Pflänzchen auf jeden Fall schon recht gut entwickelt. «Ein endgültiges Fazit kann ich aber erst im Herbst ziehen», sagt Remo Knöpfel.
Schonende Trocknung der Blüten
Das Saatgut der Echten Kamille bezieht der Holderhof bei der einheimischen Biosaatgut-Zuchtfirma Sativa in Rheinau. Die drei Kilogramm der winzigen Samen reichen für eine Hektare. Für die Aussaat baut Remo Knöpfel eine übliche Sämaschine etwas um. Die winzigen Samen gleichmässig in den Boden zu bringen, ist gar nicht so einfach. «Wir werden sehen, wie gut das klappt.» Auch hier betritt er Neuland. Was er aber kennt, ist die Bekämpfung von Unkraut. Im biologischen Landbau ist der Einsatz von Herbiziden verboten. Deshalb erfolgt sie, wenn immer möglich maschinell mit speziellem Hackgerät oder sonst von Hand. Nur so erhalten die jungen Pflänzchen der Echten Kamille genug Licht für einen optimalen Aufwuchs.
Kurze Transportwege
Zum Blühen kommen die Pflanzen ab Juni, je nach Wetter und Temperatur. Geerntet werden die Blüten wie üblich auf dem Holderhof maschinell. Ganz schnell geht es dann in die hofeigene Trocknungsanlage, wo sie bei Temperaturen unter 40 Grad schonend getrocknet werden. So bleiben die wertvollen ätherischen Öle erhalten. Die getrockneten Bio-Blüten werden von spezialisierten Firmen in Teebeutel abgefüllt und über den Detailhandel verkauft. Alles ohne lange Transportwege und mit voller Kontrolle über die Bio-Qualität.